1988 – The army now (2)

Der Aufbau lief gut. Meine Angst, der Führungsaufgabe und der damit verbundenen Verantwortung nicht gewachsen zu sein, erwies sich als unbegründet – ich musste schlicht nicht führen. Jeder wusste, was zu tun war, die Stimmung war fast ausgelassen, die kleine Choreografie eines hundertfach geprobten Stücks funktionierte. Nichts davon war mein Verdienst, als Regisseur war ich hier überflüssig. Und doch wich die anfängliche Unsicherheit einem leisen Stolz, dass dieser emsige, gutgelaunte Haufen meinen Namen trug. Trupp Thomsen.
Nach einer knappen Dreiviertelstunde erhoben sich am Waldrand in nachbarschaftlicher Eintracht zwei 17 Meter hohe Masten, jeweils gekrönt von einem grillrostartigen Dipol. Zwei der Fahrzeuge hatten wir vorsichtig in Schneisen zwischen den Bäumen untergebracht, der Kabinenwagen stand nahebei unter einem großen Kirschbaum. Tarnnetze ließen den kleinen Fuhrpark fast komplett vor fremden Blicken verschwinden. Die beiden Aggregate puckerten gemächlich vor sich hin. Ich saß in der Funkkabine, drehte an Reglern, kippte Schalter, versuchte, im ätherischen Rauschen einer entfernten Stimme gewahr zu werden. Nichts. Da war noch niemand. Wir waren die ersten. Ich platzte fast vor Selbstzufriedenheit.
Die Tage verstrichen nahezu ereignislos. Wir streiften allein oder zu mehreren durch die sommerlich dösende Landschaft, spielten Fußball, ergaben uns, im Gras liegend und gemächlich vorbeiziehende Wolken betrachtend, einer wohligen Langeweile. Jörg hatte sich mit Schlafsäcken und einer kleinen Bibliothek auf dem Dach der Funkkabine ein Refugium eingerichtet, Eremit mit literarischen Lager. Hin und wieder griff ein langer Arm in den Baum darüber, gefolgt von einem Geräusch, das an einen gezogenen Stöpsel erinnerte. Ein von einem unsichtbaren Katapult geschleuderter Kirschkern gehorchte dem Gesetz der Ballistik und landete neben seinen Artgenossen im Gras. Wie eine skurrile Sanduhr.
Bei einem unserer täglichen Streifzüge wagten wir uns auf den nahegelegenen Bauernhof. Der Besitzer begrüßte uns offen und freundlich, wie einkehrende Wanderer nach einer Tagestour. Er gehörte einer Altersgruppe an, die den expansiven deutschen Größenwahn nicht mehr am eigenen Leib zu spüren bekommen hatte. Eine Generation, welcher Kanzler Kohl auf deutscher Seite die „Gnade der späten Geburt“ bescheinigt hatte. Ließen sich Hände in Fettnäpfen rein waschen?
Mit den Früchten unseres deutsch-dänischen Annäherungsversuchs kehrten wir zum Trupp zurück. Frische Milch und ein Dutzend Eier waren eine willkommene Abwechslung zu dem meist undefinierbaren Einerlei, dass uns ein Fahrzeug der Feldküche einmal täglich vorbeibrachte. Zudem hatte uns der Landwirt angeboten, jederzeit eine in einem Anbau befindliche Dusche zu benutzen. So hatte uns diese Begegnung ein Ausmaß an Komfort eingebracht, das dem kargen und trostlosen Dasein eines Soldaten im Felde nur so spottete.
Nur einmal belästigte das militärische Übungsspektakel die Idylle unseres lindgrenschen Bullerbüs. Zu fortgeschrittener Nacht ließen mich vereinzelte Schüsse aus dem Schlaf hochschrecken. Ich setzte mich in der engen Bettstatt der Funkkabine unwillig auf und vernahm das Flüstern mehrerer Stimmen durch die halboffene Tür. Im schwachen Glimmen der Messinstrumente tauchten die Gesichter meiner Mitstreiter auf, ein Panoptikum mit Mienenspiel zwischen Überraschung, Ratlosigkeit und leichter Gereiztheit. Ich gesellte mich zu ihnen, erhöhte die Anzahl der Ratlosen um Eins. Die Schüsse, nun verstärkt durch kurze nervöse Salven, ließen uns ihre Verursacher in der Tiefe des Waldes hinter uns vermuten. Die vormals so zurückhaltenden Dieselaggregate schienen den Eindringlingen einen eindeutig zu lokalisierenden Willkommensgruß entgegenzubrüllen. Vier Augenpaare richteten sich auf mich, erwartungsvoll, eine Stellungnahme einfordernd. Ich wollte etwas erwidern, wollte dem kritischen Moment irgendwie seine Brisanz entziehen, vielleicht ein völlig überflüssiges „Ruhig bleiben“ von mir geben. In diesem Moment nahm ich aus dem Augenwinkel etwas Großes hinter mir wahr. Es lief, nein, es schnellte an mir und der Gruppe vorbei zwischen die Bäume, archaisch, brachial, ein wütendes Waldbiest mit Wasserkopf, in der Hand eine tödliche Lanze. Jemand warf dem Ungetüm den Strahl einer Taschenlampe in den Rücken, legte das atemberaubende Werk eines schizophrenen Malers frei. Der Gefreite Jörg Lehnhoff hatte sein ziviles Nachtgewand um einige militärische Utensilien erweitert. Das hellrosa Shirt und die Boxershorts mit Blümchenmuster wurden am oberen Ende von einem schief sitzenden Stahlhelm, am unteren Abschluss von zwei nicht geschnürten Soldatenstiefeln beeindruckender Größe eingefasst. Der Anblick erinnerte mich an die Schiebespiele der Kindheit, bei denen man durch das Variieren unterschiedlicher Köpfe, Torsi, und Beine skurrile Gestalten erschaffen konnte. Die vermeintliche Lanze entpuppte sich als das 1,22 Meter lange Maschinengewehr des Trupps, das Soldat Lehnhoff einhändig rechts am Körper führte, den Lauf gen Himmel.
Der schlaksige Jörg gab eine irre Mischung aus purem Slapstick und einem durchgedrehten Rambo ab, eine Frontkämpferkarikatur.
Die Bestie verschwand in Richtung der Schüsse im Wald. Geräusche berstenden Geästs wurden leiser, verflüchtigten sich schließlich völlig. Ein Moment fassungsloser Erstarrung, dann riss mich ein markerschütterndes Getöse jäh zurück in die Szenerie. Animalisches Gebrüll erfüllte die Nacht, entfesselt, urtümlich, ein Amok laufender brünftiger Elch mit einem Megafon. Auf das Gebrüll setzte sich ein anhaltendes Stakkato wütenden Maschinengewehrfeuers, schien seinen Urheber noch zu provozieren, dessen Rage in schwindelnde Höhen zu steigern.
Abrupt endete das Knattern des MG. Ich vernahm einen letzten Aufschrei zornigen Protests; vermutlich hatte die Länge des Patronengurtes auf der Zeitachse nicht mit dem Ausnahmezustand des Soldaten Lehnhoff mithalten können.
Die folgende Stille war nicht einfach Abwesenheit akustischer Ereignisse. Mir schien es, als hielte die Natur, eingeschüchtert von einer Urgewalt, den Atem an. Wir standen zu fünft am Waldrand, unter dem Eindruck der jüngsten Geschehnisse sprach- und bewegungslos. Selbst die beiden Dieselaggregate wagten lediglich ein unterdrücktes Summen. Zwischen den Bäumen trat der Gefreite Jörg Lehnhoff hervor, ganz pazifistische Versonnenheit. Nur ein kaum wahrnehmbares Stirnrunzeln verriet, dass offenbar irgendetwas an seiner Contenance gekratzt hatte. So stand er vor mir, Deus ex Machina, der für mich die Situation bereinigt hatte und mir damit gestattete, meine Inkompetenz für mich zu behalten. „Ich leg mich dann mal wieder hin“, konstatierte er lakonisch, lehnte das Maschinengewehr an das Kabinenfahrzeug, kletterte aufs Dach desselben und verschwand in seinem Reich. „Ja, äh, klar“, war alles, was ich ihm in meiner Verblüffung hinterherwerfen konnte.
Schüsse hörten wir in dieser Nacht nicht mehr.

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