1989 – The army now (3)

Bis zum Ende der Übung konnten wir unseren Campingurlaub unbehelligt fortsetzen. Bereits während der Rückfahrt nach Rendsburg unterwanderte ein neuer Gedanke meine bisherige Einstellung zur Bundeswehr. Vergessen war die Spießrutenfahrt durch eine dänische Kleinstadt. Verdrängt der wilhelminische Duktus, der mich in diesem Kosmos des Kasernenhofs unermüdlich piesackte und stach. Die frische Erfahrung unseres skandinavischen Pfadfinderlagers entfaltete ihre Wirkung. Eine olivgrüne Schlange säuselte, zischte mir unablässig Narrative unkomplizierter Männerfreundschaften, naturnahen Lebens, sicheren Auskommens ins unachtsame Ohr. Eine uniformierte Dauerexistenz lag auf einmal nicht nur im Bereich des Vorstellbaren; sie war wünschenswert geworden. Wo war der Unterschied zwischen dem rigiden Regime des Elternhauses und einem Alltag in der Armee?
Ich unterschrieb für vier Jahre, und mein Leben in der Bundeswehr änderte sich schlagartig. Ich war nicht länger ein Leidensgenosse jener, die es mehr oder weniger unfreiwillig hierher verschlagen hatte. In den Blicken meiner Zimmergenossen nahm ich eine neue Distanz wahr. Sie waren weiterhin freundlich und hilfsbereit, doch Zugewandtheit und Offenheit waren von einem Tag auf den anderen abhanden gekommen. Für sie gehörte ich nun zu den Peinigern. Selbst bei Jörg machte ich eine Veränderung aus. Die freundschaftliche Wärme, so schien es mir, wich einer Mischung aus Distanziertheit und Spott. Wieder und wieder tat er sein Entsetzen über meine Entscheidung kund, konfrontierte mich unablässig durch spitze Kommentare mit meiner eigenen Unfähigkeit und der unterdrückten Abneigung gegen den neuen Werdegang.
Die Verantwortung war nicht länger spielerisch, der Rückzug auf die Position eines einfachen Wehrdienstleistenden versperrt. Die nicht adäquate Frisur eines Truppsoldaten, nachlässig gereinigte Toiletten, Jörgs unaufgeräumter Spind – das Feld für Kritik an Mängeln innerhalb meines Zuständigkeitsbereiches war ein riesiges Minenfeld. Lächerlich und kleinlich kam ich mir vor, wenn ich andere auf ihr unkorrektes Äußeres hinwies. Jörg zu befehlen, das Chaos in seinem Schrank zu beseitigen, war ein Akt des Verrats an die Freiheitsliebe. Eine Selbstverleugnung. Erst das Umwandeln des Befehls in eine flehentliche Bitte ließ ihn mit dem Aufräumen beginnen. Er tat es, um mir Ärger zu ersparen, nicht aus Einsicht. Einsicht existiert bei der Bundeswehr nicht.
Ein neuer Balken zierte meine Schulterklappen: Gefreiter Unteroffiziersanwärter. Weithin sichtbares Stigma von Unterwerfung und Prostitution. Symbol für mindestens vier Jahre Freiheitsentzug. Ich versuchte, den neuen Dienstgrad nach außen hin mit Stolz und Größe zu präsentieren. Es gelang mir nicht. Längst hatte ich meine Entscheidung bereut, war angesichts der Ausweglosigkeit der Situation zutiefst unglücklich. Morgens blickte ich, bevor ich den Pullover anzog, lange auf den verhassten neuen Balken im Schulterbereich. Wenn ich das Kompaniegebäude zum Essen verließ, drehte ich die Dienstgradabzeichen um. Lieber riskierte ich eine gebrüllte Zurechtweisung von Vorgesetzten, als dass ich mich mit dem Stigma in der Öffentlichkeit zeigte.

Einige Wochen später begann der Unteroffizierslehrgang. Ich musste die gewohnte Umgebung verlassen und mein Quartier zusammen mit anderen Anwärtern in einem weiter entfernten Gebäude auf dem Gelände beziehen. Wieder zu acht in einem Zimmer, diesmal jedoch unterschieden sich die Mitbewohner grundlegend von meiner vorigen Wohngemeinschaft. Sieben stramme Jungs fieberten ihrer Ausbildung entgegen, jeder besessen von dem heißen Willen, der Beste zu sein. Gegenseitige Kontrolle beherrschte von Beginn an das Klima. Mit einer Mischung aus Missgunst und Blockwartmentalität wurden Betten, Spinde, Stiefel der anderen auf ihren Zustand kontrolliert, anfangs verstohlen, dann unverhohlen. Jeder wollte hervorstechen, in dieser Stube die Führung übernehmen, vor den Ausbildern glänzen. Besoffen von der Aussicht, bald Macht ausüben zu können, befreit von jedem Zweifel, mit stolzgeschwellter Brust, patrouillierten diese sieben Unteroffiziersanwärter durch den Raum. Noch nie hatte ich mich irgendwo so fehl am Platze gefühlt.
Der Alltag im Lehrgang lief ab wie eine verschärfte Zweitauflage der Grundausbildung. Es wurde in Reih und Glied marschiert, mit vollem Gepäck durch die Wildnis gelaufen und gekrochen, Waffen wurden demontiert und wieder zusammengesetzt. Der einzige Unterschied war, dass die Auszubildenden abwechselnd die Führungsrolle zu übernehmen hatten. Kommandos wurden eingeübt, vor allem an Lautstärke und Tonfall wurde gefeilt, eine Art Schrei- und Brüllseminar. Der Staatsbürgerkundeunterricht wurde in einer perfiden patriotischen Form fortgeführt, als Hohelied auf den bundesdeutschen Nationalstaat, seine Verbündeten, die NATO. Schwarz-Weiß-Denken intensivierte man in der bekannten rot-blauen Fassung, diesmal deutlicher: Westen gut, Ostblock böse. Damit es auch der letzte Trottel ganz sicher begriff. Jedes Mal, wenn wir den Unterricht hinter uns hatten, war uns klar, dass die russische Invasion unmittelbar bevorstand.

Jede freie Minute verbrachte ich mit den Jungs meiner alten Unterkunft. Freimütig berichtete ich von der Unerträglichkeit des Lehrgangs, schüttete mein Herz aus, kroch zu Kreuze und bereute offen bitterlich. Wie einen verlorenen Sohn nahmen sie mich wieder auf, leisteten Beistand, sorgten sich, redeten mir gut zu. Auch Jörg hatte mir offenbar vergeben; sein angenehmes phlegmatisches Wohlwollen mir gegenüber war zurückgekehrt. Häufig fuhren wir nach Dienstschluss an die Ostseeküste, nach Timmendorfer Strand oder Grömitz. Bis in die Nacht hinein lagen wir am Strand, hingen bei ein paar Flaschen Jever und ungezählten Zigaretten unseren Gedanken und Träumen nach. Sinnierten über eine Zukunft nach der Bundeswehr. In diesen Momenten blickte Jörg, für den diese Zukunft zum Greifen nah war, über das Meer zu einem entfernten Horizont, und seine Gelassenheit schien grenzenlos. Für mich waren es Augenblicke von tiefer Hoffnungslosigkeit und Verlorenheit. Vor mir lagen mehr als 1200 Tage Einsamkeit und Stumpfsinn.
Mein Verhalten den sieben anderen Unteroffiziersanwärtern gegenüber blieb natürlich nicht ohne Folgen. Vor allem die Tatsache, dass ich mich unmittelbar nach dem Dienst von ihnen absonderte und unter die „einfachen Rekruten“ begab, fassten sie als Hochverrat an der eigenen Kaste auf. Ich galt als Nestbeschmutzer, Renegat und Sonderling. Und natürlich bekamen sie mit, wie ich mich abfällig über den Lehrgang, seine Protagonisten und seine Teilnehmer äußerte. Man setzte mir nicht aktiv zu, es gab keine Anzeichen von offenem Mobbing (ein Begriff, den es noch nicht gab), Feindseligkeit, oder gar Sabotage. Der Prozess der Ausgrenzung verlief subtiler, er äußerte sich durch Ignoranz. Niemand schien zur Kenntnis zu nehmen, wenn ich das Zimmer betrat. Kein Nicken, kein kurzer Gruß, wenn ich einem von ihnen außerhalb des Lehrgangs begegnete. Äußerte ich mich einmal, war es, als hätte ich in einen leeren Raum hineingesprochen. Ich war Luft für sie, aber das hatte Vorteile. Niemand kontrollierte mehr, ob meine Stiefel geputzt, mein Bett korrekt gemacht, mein Spind aufgeräumt war. Niemand fragte mich nach einer Meinung zu irgendetwas oder lud mich zu einem abendlichen Kneipengang ein. Ich musste mich nicht verstellen, war unter sieben Menschen alleine für mich. Und verbrachte die Mahlzeiten und Abende weiterhin mit den alten Gefährten. Bis zum Tag ihres Abschieds.

Am letzten Freitag im September des Jahres 1989 stand ich morgens allein in der alten Stube und sah mich um. Der Raum war von jeglichem Leben verlassen. Weit geöffnete Spinde, leer, ausgefegt, erinnerten schon nicht mehr an ihre früheren Besitzer. Die Betten waren abgezogen, Stühle verkehrtherum auf die Tischplatte drapiert, der Boden an einigen Stellen noch feucht von einer finalen Reinigung. Durch die geöffneten Fenster ließ sich ein vielstimmiges, aufgeregtes Geschnatter wahrnehmen, hin und wieder von lautem Lachen übertönt. Ich war mir sicher, in diesem Wirrwarr Jörgs sonores Organ auszumachen und trat ans Fenster. Auf dem Parkplatz vor dem Kompaniegebäude herrschte ein geschäftiges Treiben. Wild und durcheinander, jede militärische Disziplin verhöhnend, standen über den Platz verteilt die Autos der frisch entlassenen Rekruten. Das Bild glich einem chaotischen Flohmarkt. Offene Fahrzeugtüren und Kofferräume. Neben und hinter den Fahrzeugen vollgestopfte Reisetaschen und Seesäcke. Fahrgemeinschaften wurden gebildet, über den Haufen geworfen, fanden sich neu. Überall junge Männer, einige lässig an Kotflügel gelehnt und entspannt rauchend, andere mit übergroßen Gepäckstücken kämpfend. Um jeden herum eine Aura der Befreiung und des Aufbruchs.
Ich erblickte Jörg. Er stand neben seinem alten Golf und zeigte auf einen gewaltigen Koffer, der offenbar im Inneren keinen Platz mehr fand. Jemand kam herüber, befreite ihn von dem Gepäckstück, und lud es in das eigene Fahrzeug. Die ersten Autos lösten sich aus dem Getümmel, bewegten sich unter lautem Hupen gemächlich Richtung Kasernentor. Man winkte sich zum Abschied zu. Bierflaschen wurden zum Gruß aus heruntergekurbelten Fenstern gehalten und geschwenkt. Jörg sah sich um, schien nach jemandem Ausschau zu halten. Schließlich machte er mich aus, wie ich im dritten Stock des Kompaniegebäudes am Fenster seiner alten Unterkunft stand. Er winkte mir auffordernd zu, bedeutete mir, ich solle hinunterkommen. Mit einem leichten Kopfschütteln verneinte ich. Es war unvorstellbar, mich ihm und den anderen in diesem desolaten Zustand zu zeigen. Bereits jetzt musste ich ununterbrochen schlucken, spürte Tränen kommen. Ich hob den Arm zu einem letzen Gruß und wandte mich ab. Sah aus dem Augenwinkel noch, wie Jörg einstieg, die Tür schloss. Dann war es vorbei.
Über den leeren Flur ging ich zurück in das eigene Zimmer, dass mir nach dem Lehrgang zugewiesen worden war – eine kleine Bude in der gleichen Etage, ohne Blick auf den Parkplatz. Stille herrschte im Gebäude. Diejenigen, deren Wehrdienstzeit noch nicht beendet war, waren bereits auf dem Weg ins Wochenende. Lustlos, zutiefst frustriert, warf ich meine Reisetasche aufs Bett und verstaute meine Schmutzwäsche. Ließ mir Zeit beim Packen, wollte draußen auf keinen Fall eventuellen Nachzüglern begegnen. Ging noch einmal zurück in die alte Stube, sah verstohlen aus dem Fenster. Auf dem Parkplatz nur noch ein einsames Fahrzeug, mein kleiner schwarzer Fiat mit Mindener Kennzeichen. Ich verließ das Gebäude und stieg in meinen Wagen. Fuhr als letzter Soldat der 3. Kompanie des Fernmeldebataillons 610 ins Wochenende Richtung Heimat.

2 Antworten auf „1989 – The army now (3)“

  1. Ein Freund hat mir Deine Geschichte, quasi , auch ein Teil Eurer ( Jörg)gemeinsamen Geschichte , per App geschickt! Selten habe ich so eine treffende , poetische, lyrisch , herzerbarmend,liebevoll,dennoch in allen Einzelheiten …. stimmende Wahrheit ,über das Leben bei der Bundeswehr ..das Verhalten untereinander .. und der einzelnen Charakteren (Jörg) und Deinen persönlichen Gefühlen gelesen ! Wunderschön! Herzerfrischend! Traurig machend! Sensibel ! Hut ab ! Ich bin begeistert und hätte gerne mehr davon ! Gratulation für den Mut u die Begeisterung ! Mit voller Hochachtung und herzlichen Grüßen Gitta

    1. Hallo Gitta,
      vielen Dank für Deine Mut machende Antwort! Ja, Menschen wie Jörg bereichern einem das Leben. Viel zu schade, es einfach tief in den Erinnerungen zu verbuddeln.
      Ich mache sehr gerne weiter, auch wenn es dauern wird und nur Stück für Stück vorangeht. Aber irgendwie wurde gerade ein Schalter umgelegt. Nicht zuletzt wegen Reaktionen wie Deiner.
      Viele liebe Grüße
      Tom / Paul

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