Das Leben der Anderen

Vor ein paar Jahren waren meine Ex-Frau und ich zu einer Party eingeladen. Gastgeber und Gäste waren keine Freunde, es waren Kindergarteneltern. Allein das hätte mir eine eindringliche Warnung sein müssen.

Die Gastgeberin führte uns in ein Wohnzimmer, das diese Bezeichnung nicht im Entferntesten verdient hatte. Hier zeugte nichts von Wohnen oder gar Leben. Am hinteren Ende des großen Raumes stand eine Couch, die noch nie jemand genutzt zu haben schien. Daneben und gegenüber jeweils eine hohe graue Vitrine, beide nahezu leer bis auf zwei oder drei ebenfalls graue Dekoobjekte. Ein grauer Couchtisch mit blitzblanker Glasplatte, darauf: nichts. Nackter weißer Fliesenboden. Keine Bücher, keine Zeitungen, kein Spielzeug. Keine Vorhänge, keine Gardinen. Keine Musik. Der Raum wirkte, als wollten seine Bewohner noch am selben Tag ausziehen.
Für die Gäste waren im Essbereich zwei Tische aufgestellt, weit auseinander. Deren Dekoration der feuchte Traum eines Buchhalters. Exakt ausgerichtet an imaginären Linien, ernsthaft, phantasielos, streng. Ein Tisch hätte das Spiegelbild des anderen abgeben können, wären da nicht die Gäste gewesen. Am linken saßen die Männer, am rechten die Frauen. Keine Ausnahmen. Insgesamt waren es vielleicht 20 Personen.
Wir waren die letzten. An jedem Tisch war noch genau ein Platz frei. Meine Gefährtin steuerte zielstrebig auf die Damenrunde zu. Mir blieb keine Wahl, ich setzte mich zu den Männern. Ich hätte lieber gehen sollen.

Die Gespräche drehten sich um alles, was das gemeine Männerherz höher schlagen lässt: Autos, Häuser, Aktien, Jobs. Eine krude Mischung, wie die Vereinigung von „Capital“, „Men’s Health“ und „Playboy“ zu einem Blatt. Und jeder war erfolgreicher als der andere, wusste besser Bescheid, hatte ein noch größeres Statussymbol im Ärmel. Ich dachte daran, wie wir als Kinder Quartett mit Autokarten gespielt hatten. Wer die Fahrzeuge mit den meisten PS oder der höchsten Beschleunigung in die Runde warf, gewann das Spiel.
Auch hier ging es reihum. Da spielte einer seine Aktiendividende aus, und wenn der Nebenmann nicht mithalten konnte, wechselte dieser das Thema, skizzierte seinen neuen Wintergarten oder berichtete vom letzten Karriereschub. Sie waren so sicher, überlegen, ganz Jäger, suhlten sich in ihrer Selbstzufriedenheit.
Wie bei solchen Anlässen üblich zog ich mich in ein Schneckenhaus zurück. Ich war angeekelt, gelangweilt, aber auch eingeschüchtert von der Testosteronwolke, die diesen Tisch umgab. Wer oder was war ich schon? – Ein kleiner Spinner mit kleinem Job, kleinem Haus, kleinem Mittelklassewagen. Und einem fragilen Ego.
Ich ging in die Küche, um das zu tun, was ich in diesen Situationen am liebsten tat: mich betrinken. Öffnete eine Schublade, auf der Suche nach einem Korkenzieher. In der Schublade das Besteck akkurat in Reihe nebeneinander, fast wie in der Originalverpackung. Da war er wieder, der Buchhalter. Ich öffnete eine Rotweinflasche und kehrte mit ihr zurück in den Wohnraum. Nahm meinen Stuhl, schob ihn an den Frauentisch, stellte die Flasche ab, setzte mich.
Für einen Moment kehrte Ruhe ein. Beide Geschlechter starrten mich an, so als hätte ich eine grundlegende Regel verletzt. Blicke wurden getauscht, hier und da verständnisloses Kopfschütteln. Dann war der Moment vorbei.
Die Frauen hatten genau ein Thema. Energisch wurde debattiert, in welchem Kindersitz, um welche Uhrzeit, nach welcher Mahlzeit, mit wessen Auto man den grundsätzlich hochbegabten Sprössling zur Kita fuhr, zu der mittelmäßig begabten Erzieherin, welche dem Sprössling die grundsätzliche Hochbegabung unverschämterweise absprach. Wessen Kind noch Windeln trug oder den eigenen Namen nicht schreiben konnte, hatte verloren.
Auf einmal, völlig unverhofft, ein Lichtblick. Eine Frage, forsch, fast schon herausfordernd. In die Runde geschleudert von der Frau mir gegenüber.
„Lest ihr?“
Wieder Ruhe. Ratlose Ruhe. Ich beugte mich vor. Schenkte mir andächtig Rotwein nach. Überlegte fieberhaft. Welche Bücher habe ich zuletzt beackert? Welches könnte hier bekannt sein? Welches erweckt nicht gleich den Eindruck, ich wolle prahlen? Und von welchem weiß ich überhaupt noch den Inhalt? – Und da war es. Deutlich formten sich die Worte in meinem Kopf. Jetzt musste es nur noch raus. Die verfluchten unzuverlässigen Nervenbahnen passieren, zum Sprachzentrum, zum Sprechapparat. Und tatsächlich, da lag es schon auf der Zunge. Vier Worte. „Der Schatten des Windes“ wollte in den Raum katapultiert werden. Ich öffnete den Mund.
In diesem Moment nahm ich etwas wahr. Links neben mir war jemand schneller. Auch vier Worte. Andere Worte. Diese Worte gaben mir für den Abend des Rest.
„Fifty Shades of Grey“, vernahm ich noch deutlich von meiner Tischnachbarin.
Ich stand auf und ging.

Menschen mit ADHS sind anders. Wir denken anders, wir handeln anders. Wir interessieren uns für andere Dinge.
Jahre, nein, Jahrzehnte hatte ich dadurch das Gefühl, ausgeschlossen zu sein. Nicht dazuzugehören. Niemals ein Teil werden zu können im Leben der Anderen. Bis ich irgendwann feststellte, dass ich das überhaupt nicht will.

Es gibt kein richtiges Leben im falschen.
(Theodor W. Adorno)

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