1989 – Verhandlungssache

Zum Appell am Montagmorgen vor dem Kompaniegebäude hatten sich die Reihen merklich gelichtet. Die vertrauten Gesichter jener, mit denen zusammen ich 15 Monate zuvor den Wehrdienst begonnen hatte, fehlten, waren nicht länger verfügbar. Ich stellte mir vor, wie sie jetzt zu Hause aufwachten, im eigenen Bett, sich kurz vergewisserten, dass tatsächlich alles vorbei war, sich wohlig unter der eigenen Bettdecke umdrehten und weiterschliefen. Während ich über den Kasernenhof marschierte, würden sie in der eigenen Küche am eigenen Tisch frühstücken, vielleicht zusammen mit der Freundin. Wenn ich nach dem Mittagessen Tarnnetze reparierte und Erdnägel geradebog, würden sie durch ihre Heimatstadt bummeln, zu Verwandten fahren, Freunde besuchen. Bis in die Nacht hinein würden sie mit alten Weggefährten zusammensitzen, von den vergangenen 15 Monaten erzählen, darüber lachen. Irgendwann würden sie und ich in den Schlaf sinken, sie den Kopf voller Pläne, ich voller Leere.
Zur Mittagszeit bat ich um ein Gespräch beim Kompaniechef und bekam vom Soldaten der Schreibstube einen Termin um 16 Uhr zugeteilt. Mein Plan war, eine heimatnahe Versetzung zu beantragen. Dazu hatte ich mir eine haarsträubende Geschichte mit einer fiktiven, schwer depressiven Lebensgefährtin ausgedacht. Als Untermauerung und zum Beweis sollte ein Foto meiner Ex-Freundin Silke dienen. Seit Beginn des Wehrdienstes klebte es an der Innenseite der Spindtür; ich bildete mir ein, das Soldatenleben sei nicht ganz so einsam, wenn ich mir und den anderen eine glückliche Liebesbeziehung vorgaukelte. Auf dem Bild hockte Silke, mit schwarz-goldener Bluse festlich gekleidet, neben einem geschmückten Weihnachtsbaum, beide feierlich glitzernd, das Mädchen mit einem offenen, strahlenden Lachen, weltzugewandt und optimistisch. Das Bild hätte für die Titelseite eines Hochglanzblattes getaugt, als Beleg für ein Leben auf der Schattenseite war es denkbar ungeeignet.
Hauptmann Gerster saß hinter seinem Schreibtisch, gebeugt über eine Stapel Unterlagen. Er sah nicht auf, als ich das Büro betrat, militärisch grüßte und meinen Spruch aufsagte.
„Gefreiter Thomsen meldet sich wie befohlen.“
Der Kompaniechef bearbeitete weiter seine Papiere, ließ mich in der steifen soldatischen Grundstellung stehen, eine Minute, zwei, eine Demonstration von Überlegenheit.
„Rühren.“
Ich entspannte mich nur leicht, wusste nicht wohin mit meinen Händen, verschränkte sie hinter dem Rücken. Wiederum verging eine kleine Ewigkeit, bis Gerster mich endlich ansah und mit einem Nicken anwies, auf dem Stuhl vor seinem Tisch Platz zu nehmen.
„Was wollen Sie?“
Ich begann meine sorgfältig zurechtgelegte Geschichte zu erzählen, Trauerspiel über eine in der Heimat todunglücklich zurückgelassene Lebensgefährtin, deren suizidale Gedanken unterhalb der Woche bedenklich konkrete Züge annahmen. Ich berichtete von den wiederkehrenden Dramen sonntäglichen Abschieds, wenn Silke tränenüberströmt versuchte, mich festzuhalten, mich anflehte, sie nicht zu verlassen. Meine Erwähnung zweier Suizidversuche der geliebten Freundin während der Bundeswehrzeit sollte, ja musste den Hauptmann in die Enge treiben, ihm keine andere Wahl lassen, als mich nach Hause zu versetzen, Minden oder Bückeburg, Ortsnamen mit betörendem Klang.
Seit Kindheitstagen waren solch kühn konstruierte Lügengeschichten eine Spezialität meiner Phantasie. Ständig erfand ich diese Gebilde, um mich aus verhängnisvollen Situationen zu befreien, in die ich mich selber manövriert hatte. Unbewusst entwickelte ich eine gewisse Routine im Erfinden von Plots, die mich als Unschuldslamm in weißer Weste darstellten. Mein Kopf erschuf Bilder zu diesen Geschichten, drehte ganze Filme daraus, bis sie mir so real vorkamen, dass ich selbst daran glaubte. Diese überbordende Phantasie hätte die Überzeugungskraft meiner Lügen erheblich verstärken können, doch immer neigte sie auch zu unnötiger Komplexität und einem Quentchen Übertreibung, was mich stets in weitere Erklärungsnöte brachte und mich die Übersicht verlieren ließ. Ein erstes Verhör überstand ich noch häufig, ein zweites niemals.
Während ich weiter um meine Versetzung kämpfte, die Beweggründe in immer lebhafteren und drastischeren Bildern argumentierte und zementierte, holte ich das Foto aus der Tasche und schob es über den Schreibtisch dem Kompaniechef entgegen. Er musterte es kurz, ohne es aufzunehmen, dann sah er mich an, zum ersten Mal. In seinem Blick konnte ich nicht die geringste Emotion wahrnehmen. Kein Mitgefühl, kein Verständnis, keine Sympathie. Aber auch kein Misstrauen, keine Abneigung, keine Feindseligkeit. Es war, als säße mir gegenüber eine mit Knetmasse gefüllte Uniform, eine Puppe, in deren konturloses Gesicht jemand zwei Augen und einen waagerechten Strich als Mund geschnitzt hatte.
„Die Dame scheint mir wenig depressiv.“
„Das Foto ist schon älter. War vor der Bundeswehrzeit.“
„Macht mir insgesamt einen ziemlich selbständigen und selbstbewussten Eindruck.“
„Sie kann sich gut verstellen.“
Er schob das Bild in meine Richtung, wandte sich erneut seinen Unterlagen zu.
„Ich werde Ihrem Versetzungsgesuch nicht entsprechen.“
Er sprach es völlig ton- und emotionslos aus, ein in Worte gefasster Behördenbescheid. Widerspruch nicht zugelassen.
„Aber ich muss nach Hause! Ich halte es nicht mehr aus! Es ist Ihre Schuld, wenn …“
Er sah auf. Eine Wand aus Kälte raste mir entgegen.
„Wegtreten.“

Vor der Kaserne standen zwei Telefonzellen. Allabendlich bildete sich dort eine Schlange von Soldaten, die zum günstigeren Tarif ab 18 Uhr Ferngespräche in die Heimat führen wollten. „Mondscheintarif“ nannte die Deutsche Post diese immer noch horrende Nachtgebühr. Wer ein längeres Gespräch plante, ließ sich tagsüber in der Zahlstelle einen größeren Geldschein in Fünfmarkstücke wechseln. Das Geklimper in den Hosentaschen der Rekruten stand in direktem Verhältnis zum Ausmaß ihres Heimwehs. Gegen 19 Uhr, nach dem ersten Ansturm auf die beiden Fernsprecher, reihte ich mich in die Schlange ein, wartete, bis mir der heiß begehrte Platz in der engen Zelle zufiel. Nach meinem unerfreulichen Vorsprechen am Nachmittag hatte ich mir für einen Fünfzigmarkschein eine Handvoll Münzen geben lassen, von der ich hoffte, dass sie für das bevorstehende Gespräch ausreichte. Mit dem Druckereiprogramm in der Hand, auf dem die Oeynhausener Nummer stand, die ich anrufen wollte, schob ich mich Stück für Stück vor, bis ich direkt vor der Kabine stand. Das Gespräch des Anrufers vor mir schien eher informeller Natur zu sein. Er hielt sich kurz, sprach einige knappe Sätze, notierte sich etwas auf einem Zettel und hängte auf. Ich nahm die geöffnete Tür entgegen, betrat die Zelle, holte mein Kleingeld hervor und stapelte es über dem Einwurfschlitz auf dem Fernsprecher. Stellte mir vor, wie die hinter mir Wartenden bei dem Anblick die Augen verdrehten, vielleicht sogar ihr Vorhaben aufgaben und verärgert zur Kaserne zurückkehrten. Ich wählte die Bad Oeynhausener Ortsvorwahl und die im Druckereiheft angegebene Nummer. Freizeichen. Ein Knacken in der Leitung, dann meldete sich eine männliche Stimme, sprach einen Nachnamen, betonte die letzte Silbe wie zum Ende einer Frage. Ich überlegte kurz, aufzulegen, widerstand der Versuchung.
„Äh, ja, hallo, Paul Thomsen hier. Ich habe die Nummer aus dem Programmheft der Druckerei. Bist du Andreas vom Dfg-VK?“
„Ja, der bin ich. Wie kann ich dir helfen?“
Die Formulierung seiner Frage, der Klang des Wortes „helfen“, dieser Bände sprechende Kontrast zu Gersters eisigem „Was wollen Sie“ – hier offenbarten zwei Welten ihr inneres Wesen, zwei Paradigmen sozialen Handelns, Menschlichkeit und Unmenschlichkeit.
„Ich möchte den Kriegsdienst verweigern und würde mich gern dazu beraten lassen.“
„Sicher, gern. Wir treffen uns das nächste Mal Samstag in einer Woche wieder in der Druckerei. Wann wäre denn deine Einberufung? Hast du schon einen Musterungstermin?“
„Ich bin schon Soldat.“
„Okay, das macht es schwieriger. Ist aber nicht unmöglich. Wir hatten hier schon solche Fälle. Stell dich drauf ein, dass du noch eine Zeit Zivildienst machen musst, wenn die Verweigerung durchkommt. Wie lange ginge dein Wehrdienst denn noch?“
„Drei Jahre.“
„Nein, das kann nicht sein, da hast du mich wohl falsch verstanden“, leises Lachen auf der anderen Seite, „wie viele der 15 Monate hast du schon hinter dir?“
„Ich bin Zeitsoldat.“
Stille. Nur ein leises Rauschen im Hörer. Ich war mir sicher, dass das Gespräch unterbrochen war. Ich hatte vergessen, Geld nachzuwerfen, oder mein Gegenüber hatte aufgelegt. Dachte vielleicht, ich wolle ihn verarschen. Dachte vielleicht, ich sei einer dieser Hundertprozentigen, einer dieser blind um sich beißenden Patrioten, für die alle Verweigerer nur Drückeberger oder Schwule oder beides waren, auf jeden Fall verweichlichte Bettnässer. Jemand, der sich einen Spaß daraus macht, den Zersetzern von Vaterland und Wehrkraft ab und zu ihre Grenzen aufzuzeigen. Ich nahm ein Fünfmarkstück, steckte es in den Einwurf, hörte es im Apparat fallen. Hörte etwas über dem ätherischen Rauschen, das wie ein scharfes Durchatmen klang, fast schon ein Pfeifen.
„Andreas?“
„Ja, ich bin noch da.“ Kurze Pause. „Viel kann ich dir dazu noch nicht sagen, ich muss mich da erst schlau machen. Grundsätzlich geht das, jeder Soldat kann verweigern, aber als Zeitsoldat wird das verdammt schwer. Du brauchst eine hundertprozentig glaubwürdige Begründung, warum dir dein Gewissen auf einmal den Kriegsdienst verbietet. Die lehnen den Antrag ab, wenn sie auch nur den leisesten Zweifel haben. Und schriftlich reicht denen nicht. Es wird zu einer Anhörung kommen, wo sie dir jede Menge unbequemer Fragen stellen. Mach dir schon mal Gedanken über deine Begründung, schreib es auf und bring deine Unterlagen dann am übernächsten Samstag mit. Ich sage den anderen Bescheid, damit wir möglichst viele sind.“
„Das klingt beschissen. Habe ich da überhaupt eine Chance?“
„Kennst du Gert Bastian?“
„Den von den Grünen?“
„Ja, der Lebensgefährte von Petra Kelly. Saß für die Grünen im Bundestag. Hat als General der Bundeswehr den Kriegsdienst verweigert. Erfolgreich. Ist bisher der Einzige, den ich kenne. Aber immerhin: Es geht.“
„Na toll.“
„Kopf hoch! Wir unterstützen dich, wo wir nur können. Wir haben hier ein paar Leute mit jeder Menge Erfahrung, was die Begründung angeht. Die kennen sich auch mit den Fallstricken und Fangfragen aus. Zusammen bereiten wir dich schon vor.“
„Okay, und was mache ich bis dahin?“
„Noch gar nichts. Erzähl niemandem davon, lass dir nichts anmerken. Tu nichts, was gegen dich verwendet werden könnte. Ach ja, stell um Himmels Willen kein Versetzungsgesuch!“
Die Zelle um mich herum verlor ihre Konturen. Telefon, Wände, Boden, Decke, die Außenwelt, alles begann zu wabern. Ich schloss die Augen.
„Okay, danke. Dann bis Samstag“, hauchte ich und legte auf.

Die folgenden Tage waren eine ständige Berg- und Talfahrt der Gefühle. Zuversicht ging von einer Minute auf die andere über in eine tiefe Hoffnungslosigkeit, die wiederum durch kurze Augenblicke eines fast euphorischen Optimismus abgelöst wurde. Einzig Wut und Trotz bildeten Konstanten in der emotionalen Sinusgleichung, waren dauerhaft präsent. Ich verfluchte mich dafür, das Versetzungsgesuch gestellt zu haben, war mir sicher, der Gegenseite damit ein unwiderlegbares Argument in die Hände gespielt zu haben. Dann sagte ich mir wieder, dass die Bundeswehr kein Interesse daran haben könne, einen Verweigerer und Renegaten weiter in der Truppe zu beschäftigen. Auch könnte die aktuelle politische Entwicklung eine Rolle zu meinen Gunsten spielen: Der Kalte Krieg schien seinem Ende entgegen zu gehen, der Eiserne Vorhang war gerade gefallen, Feindbilder begannen sich aufzulösen. Vielleicht würde sich das Klima der Annäherung auf meine Richter auswirken, sie milde stimmen. Ich hatte die wildesten Geschichten über dieses Gremium gehört, das über mich entscheiden sollte. Geschichten von boshaften Fangfragen. Was tun Sie, wenn drei Männer in Ihr Haus eindringen und Ihre Freundin vergewaltigen wollen? Wie verhalten Sie sich, wenn russische Soldaten Ihre Mutter bedrohen?
Wie konnte man nur solch eine Inquisition überstehen?
In der Truppe sonderte ich mich weiter ab, wann immer es möglich war. Verbrachte Pausen und Mahlzeiten allein, war froh, nach Dienstschluss ein Zimmer für mich allein zu haben. Es schien nicht aufzufallen; die Soldaten eines Quartals blieben häufig unter sich, scherten sich wenig um die vor oder nach ihnen Gekommenen. Abends saß ich in meiner Stube, las oder sah fern, grübelte. Manchmal war auf dem Flur das Lachen und Reden von ein paar Soldaten zu hören, die sich auf den Weg in eine der Diskotheken der Stadt machten. Kehrten sie einige Stunden später zurück, wurde es kurz laut. Ab und zu klopfte ein betrunkener Witzbold an die Tür, brüllte: „Thomsen, aufstehen!“. Von draußen müdes, halbherzig gehässiges Gelächter, sich entfernende Randale, wieder Ruhe. Irgendwann fiel ich in einen meist unruhigen Schlaf.

Eine zunehmende innere Unruhe machte das tatenlose Abwarten unerträglich. Immer wieder spielten sich in meinem Kopf kurze Filmszenen ab, Szenen eines Lebens fern der Bundeswehr. Ich auf einer Bandprobe, ich beim Besuch der Großmutter, ich in der Druckerei, an einem ganz gewöhnlichen Abend unterhalb der Woche. Es waren bewegte Bilder einer freien, selbstbestimmten Existenz. Sie versprachen, drängten, wurden mit jeder Folge ausgefeilter und eindringlicher.
Ich ignorierte Andreas’ Mahnung und suchte den Militärseelsorger auf. Die lebensmüde Geliebte hatte sich als wenig hilfreich erwiesen; ich beließ sie im Reich der Phantasie und berichtete dem Geistlichen stattdessen wahrheitsgemäß von den Seelenqualen, welche der Dienst in der Armee mit sich brachte. Sein Blick glich in seiner Leblosigkeit der des Kompaniechefs, lediglich kastriert um dessen militärische Strenge. Ich fragte mich, was diesen Mann wohl bewogen haben mochte, seinen Beruf zu ergreifen.
„Könnten Sie Halt im Glauben finden?“
„Nein.“
„Dann kann ich Ihnen leider nicht weiterhelfen.“
Dienstleistung nur für Fromme. Amen.
Kurz dachte ich darüber nach, den Truppenarzt zu konsultieren. Doch mit welchem Beschwerdebild? Zwei taube große Zehen und chronische Rückenschmerzen waren Symptome, mit denen sich ein Großteil der Rekruten herumplagte. Würden die Auswirkungen unpassenden Schuhwerks, durchgelegener Matratzen oder ungewohnten Marschgepäcks zu einer Krankschreibung oder gar Ausmusterung führen, wären die Kasernen verwaist. Die Standardtherapie der Bundeswehr für Beschwerden dieser Art bestand in der Vergabe kapitaler Schmerzmittel und der Erlaubnis, für zwei Wochen in Turnschuhen herumzulaufen. Also stellte ich alle weiteren Versuche, mich eigenständig aus den Fängen der Armee zu befreien, bis auf Weiteres ein, brachte die Dienstwoche unauffällig und lustlos hinter mich, fuhr am Freitag nach Hause, betrank mich in der Druckerei, schlief bis weit in den Samstag hinein meinen Rausch aus. Irgendwann am Abend schaltete ich den Fernseher ein, zappte durch die Kabelprogramme, blieb gebannt, gefangen, bei den Bildern einer Militärparade hängen. In preußischem Exerzierschritt zogen grün, grau und blau uniformierte Gruppen eine Straße entlang

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